ERINNERUNGEN

Papa, was sind Zigeuner?“ Die kleine Tina stürmte in die Veranda, wo ihr Vater gerade gemütlich die Zeitung las, die er sich immer extra für diesen Moment, kurz vor dem Mittagessen, aufhob. Dann war seine Arbeit für den Vormittag erledigt und er gönnte sich eine Pause. Sein neuer Roman, 'Im Schatten der Welle', lief total flüssig, als ob das Wasser einen Einfluss hätte.

Wie kommst du denn darauf mein Engel?“ Er wunderte sich schon ein bisschen, aber an sich auch wieder nicht, denn sein Töchterchen war schon eine ganz Plietsche, das gab er gerne zu. Und er musste dabei lächeln, so, wie nur ein stolzer Vater es kann.

Nun, dann komm mal her zu mir, mal sehen, ob ich es dir erklären kann.“ Natürlich konnte er das, da war sich die kleine Tina sicher. Warum? Weil ihr Vater einfach alles wusste und dadurch auch eben alles erklären konnte. So einfach war das.

Tina machte es sich auf dem Schoß ihres Vaters bequem und lehnte sich auch noch leicht an seine Brust. „Und? Was sind nun Zigeuner?“

Also meine Kleine, so bezeichnete man früher Menschen, die eine andere Lebensweise haben als wir. Man nannte sie unstet, rastlos und auch fahrendes Volk. Alles, was nicht in unseren Rahmen passt, wird entweder abgewertet oder romantisiert. 'Zigeuner' sollte man aber nicht sagen, das ist ein sehr unpassender und unschöner Begriff. Nun sag mir mal, wo du das aufgeschnappt hast.“

Da ließ die Kleine sich nicht lange bitten. Sie richtete sich auf und blickte ihrem Vater aufgeregt in die Augen. „Ja weißt du, als wir beim Spielen auf der Wiese waren, kam plötzlich ein Mädchen auf uns zu und fragte, ob sie mitspielen dürfe. Sie sei neu hier und wohne dort drüben in der Siedlung, du weißt schon Papa, dort, wo ich nicht hin soll, wegen der großen Straße.

Der Vater nickte bestätigend mit dem Kopf, unterbrach seine Tochter aber nicht.

Und sie sieht so schön aus Papa! Sie hat lange schwarze Haare und ganz dunkle Augen, ich glaube die sind auch schwarz. Irgendwie sieht sie aus wie Schneewittchen, nur die Haut ist brauner. Ich find sie toll! Aber dann sagte Angela in einem ganz frechen Ton, ihre Mutter hätte ihr verboten, mit Zigeunerkindern zu spielen. Und dann lief sie davon und die anderen Kinder mit ihr. Das schöne Mädchen fing fast an zu weinen. Da hab ich sie gefragt, wie sie denn heißt. Stell dir mal vor Papa, so einen Namen hab ich noch nie gehört. 'Elvira', hat sie gesagt, und dann hab ich ihr meinen Namen genannt und sie gefragt, ob sie mit mir spielen möchte.“

Vater und Tochter unterhielten sich noch eine Weile, und als Tina alles verstanden hatte, wollte sie wieder nach draußen zum Spielen. Ihr Vater lächelte in sich hinein und war so stolz auf seine Tochter, dass er sich vornahm, später noch eine Geschichte darüber zu schreiben. Das konnte sowieso nicht schaden, denn anscheinend nahm es kein Ende mit den Vorurteilen der Menschen gegenüber anderen. Er konnte es an sich nicht fassen, das selbst jetzt, in den späten sechziger Jahren, die Menschen immer noch so dumm waren. Würde es denn nie besser werden?

Zur Mittagszeit wurde Tina von ihrer Mutter gerufen, natürlich musste sie es ein paarmal wiederholen, bevor ihre Tochter folgte. Aber das war damals eben so, und niemanden hat es gestört. Während des Mittagessens erzählte Tina auch ihrer Mutter von ihrer neuen Freundin, und ihre Wangen glühten und ihre Worte überschlugen sich fast. Einige Male musste ihr Vater sie ermahnen, damit sie sich nicht verschluckte. An sich wurde beim Essen nicht so viel gesprochen, aber ein wenig schon, und heute eben noch mehr als sonst. Die Eltern sahen sich wissend an und lächelten. Ja, ihre kleine Tina war schon jetzt eine ganz Große, es würde spannend bleiben, das war mal klar.

Nach dem Essen ging die Mutter in der Küche ihren Aufgaben nach, der Vater verzog sich wieder in sein Arbeitszimmer und die kleine Tina machte einen Mittagsschlaf. An sich schlief sie gar nicht richtig, aber sie blätterte in ihrem Bilderbuch und konnte sogar schon ein paar Worte lesen. Sie fand das total spannend, wenn die Buchstaben am Ende ein sinnvolles Wort ergaben. Tina freute sich auch schon so sehr auf die Schule, damit sie endlich richtig lesen lernen würde. Und schreiben wollte sie auch unbedingt, so wie ihr Vater.

 

Eines Nachmittags, die Mutter saß gerade im Wohnzimmer und besserte ein paar Kleidungsstücke aus, stürmte Tina laut weinend ins Haus. „Maama, ich blute!“ „Oh mein Gott Tina, was ist passiert!“ Sie legte schnell das Oberhemd ihres Mannes an die Seite und nahm ihre Tochter in den Arm. Das aufgeplatzte Knie war nicht zu übersehen und wurde sofort gründlich versorgt. Tina beschwerte sich stöhnend über das brennende Jod, aber ihre Mutter blieb hart. Jod gehörte dazu, da gab es kein Entrinnen. Als die Wunde verbunden war, brachte die Mutter ihre Tochter ins Wohnzimmer und legte sie aufs Sofa. Tina bekam noch ein Glas Milch und einen selbstgebackenen Keks, und schon ging es ihr viel besser. „Erzählst du mir eine Geschichte Mama?“ Ihre Mutter lächelte und nahm das große Märchenbuch aus dem Bücherregal. Sie brauchte gar nicht erst zu fragen, und schlug die Seite mit 'Schneewittchen' auf. Tina kannte dieses Märchen Wort für Wort auswendig, sodass ihre Mutter sich nicht getraute, es frei zu erzählen. Lieber las sie die Geschichte vor, um den ewigen Unterbrechungen ihrer Tochter zu entgehen. Wobei alles auf seine Weise einen besonderen Reiz hatte, aber eben auch alles zu seiner Zeit. In diesem Moment wollte sie ihre Kleine einfach nur verwöhnen. Sie setzte sich auf das Sofa zu ihrer Tochter und beide waren bald in das Märchen versunken.

Mama, Papa, kommt schnell, Klärchen hat Kinder bekommen! Die sind so süß! Schnell, wo bleibt ihr denn?

Die Aufregung konnte größer nicht sein, denn schon seit Tagen wartete die Familie auf den Nachwuchs ihrer Katze. Um ihren Wurf zu bekommen, hatte sich Klärchen in einen Winkel im Schuppen verzogen, und hatte somit das liebevoll bereitete Nest ignoriert, welches Tina extra in ihrem Zimmer vorbereitet hatte. Sie fand das zwar nicht gut, aber ihr Vater hatte erklärt, dass Katzen eben besonders seien und ihren Platz selbst suchen und sich da ganz von ihrem Instinkt leiten lassen. Na ja, Tina nahm das mal so hin, es brauchte ihr ja nicht zu gefallen. Sie würde Klärchen schon noch umquartieren. Natürlich ahnte sie nicht, das die Katzenmutter das auf keinen Fall akzeptieren würde, und ihre Jungen immer wieder zu dem Geburtsplatz zurückbringen würde. Jetzt lief die Familie aber erst mal in den Schuppen, um das kleine Wunder zu betrachten. Sie gingen in die Knie und staunten über fünf Katzenkinder. „Sind die nicht süß? Können wir die alle behalten? Ich pass auch auf sie auf und kümmere mich!“ Tina konnte sich einfach nicht bremsen, so aufgeregt war sie. Ihre Eltern blickten sich in die Augen und lächelten ihrer Tochter liebevoll zu. Tatsächlich verlor Tina auch später nicht das Interesse an den Katzenbabys und war sehr traurig, als einige Wochen später eins nach dem anderen in neue Familien kam. Aber da die Leute sehr nett waren und liebevoll mit den Kleinen umgingen, tröstete sich das Mädchen schnell und vergnügte sich wieder ausschließlich mit Klärchen. Und das war auch gut so.

 

Eines Tages, Tina spielte gerade in ihrem Zimmer mit ihrer Lieblingspuppe, hörte sie, wie ihre Mutter einen lauten Schrei ausstieß. Was war denn los? Tina ließ alles stehen und liegen und rannte die Treppen hinunter. Dort sah sie auch schon, was passiert war. Ihr Vater lag am Boden und ihre Mutter beugte sich über ihn und sprach sanft auf ihn ein. Ihr Vater aber rührte sich nicht. „Was ist los mit Papa? Ist er hingefallen? Die Kleine machte sich richtig Sorgen um ihren Vater, den sie über alles liebte. „Ach Tinchen, ich weiß es auch nicht genau. Habe schon einen Krankenwagen gerufen, ich glaube ihm ist übel geworden. Sicher nichts Schlimmes, aber man muss schon bedacht handeln.“ Währenddessen drehte ihr Mann langsam den Kopf an die Seite und stöhnte auf. Er fasste sich an seine Brust und wollte sprechen, aber das verhinderte seine Ehefrau schnell, indem sie ihm einen Finger auf den Mund legte. „Schön ruhig bleiben mein Liebling, der Arzt ist gleich hier und wird nach dir sehen.“ Da ihm nichts anderes übrig blieb, fügte er sich. Wie aufgeregt seine Frau wirklich war, konnte sie geschickt verbergen, denn sie wollte weder ihren Mann, noch die kleine Tina ängstigen. So schickte sie also das Mädchen zurück in ihr Zimmer mit dem Versprechen, ihr später alles genau zu erzählen. Tina ging nur widerwillig und streichelte ihrem Vater noch über die Wangen. „Keine Angst Papa, das wird schon wieder!“

Und so war es denn auch. Nach ein paar Tagen kam ihr Vater froh und munter wieder aus der Klinik und nahm seine Tochter stürmisch in die Arme. Seinen leichten Schlaganfall hatte er gut und schadlos überstanden, nur musste er jetzt unter ärztlicher Beobachtung bleiben, aber das war ja auch gut so. „Ich hatte aber doch ganz schön Angst um dich Papa! Und gebetet hab ich auch mit der Mama und auch allein. Das hat der liebe Gott sicher gehört und darum geht es dir jetzt wieder gut.“ Die Eltern lächelten und der Vater strich seiner Tochter liebevoll über die Wange. „Danke dir mein Engel, das hast du gut gemacht. Und du auch, mein Herzblatt.“ Dabei gab er seiner Tochter und seiner Frau ein Küsschen und war so glücklich, dass alles noch einmal gut verlaufen war. Die kleine Warnung hatte er verstanden und an jetzt würde er besser auf sich aufpassen. Das hatte er auch seiner Frau versprochen, denn schließlich wollte er nicht, dass sie sich sorgte.

 

Jutta Pratsch "Erinnerungen aus meiner Kindheit, wie ich sie gerne hätte" 2014 ff